Störungen im elektrischen Feld

2019

Abstract

Christiane Hamacher


Mentorat: Andrea Wolfensberger


Berühre ich mit dem Finger das Display meines Handys, geht ein Teil der Ladung auf meine Haut über. Eine Störung im elektrischen Feld der Bildschirmoberfläche wird ausgelöst. Die Berührung meiner Finger mit dem Material Glas erzeugt Spuren.

Das Display meines Handys habe ich über mehrere Monate fast täglich eingescannt. Ich bearbeite diese schwarzen Bilder auf meinem Computer mit einem Belichtungsfilter. Aus der Dunkelheit der Bildoberfläche entstehen abstrakte „Gemälde“, die an Landschaften und Orte erinnern. Mit diesen Bildprotokollen von nun mehr als 110 Tagen ist eine Sammlung entstanden.

Ich erstelle damit ein eigenes Archiv. Und schon schleicht sich ein weiterer Begriff ein. Das Tagebuch. Mein Tagebuch. Es betrifft meine Biographie. Mein Tun und Handeln. Eine Selbstvergewisserung im Jetzt. Tag für Tag. Ich sammle Spuren. Bewege mich im Dazwischen von Archiv und Tagebuch. Im Sichtbaren und Unsichtbaren. Im Sagbaren und Unbewussten.

Ebenen und Fragmente in Form der großformatigen ausgedruckten Papierbahnen, der Auflistung im Videoprotokoll der Daten der Tage, an denen ich den Display meines Handys gescannt habe, und meine performative Lesung im Ausstellungsraum zeigen die Unmöglichkeit, ein Archiv als Ganzes zu erfassen.

Die Prints ganz bestimmter Tage sind nicht mit Erinnerungen an diesen einen bestimmten Tag verbunden. Sie sind bildliche Protokolle, Spuren eines Teils meines Alltags. Verwischt schon in der nächsten Sekunde.

Das Verborgene und Unsichtbare dieser Sammlung im Ordner auf der Festplatte erscheinen nun im Ausstellungsraum. Ich habe drei Prints unter formalen Kriterien ausgewählt. Der Text, in Form einer Lesung während der Präsentation, ist aus Fragmenten gebaut. Persönliche Gedanken, Wahrnehmungen und wissenschaftliche Inhalte erzeugen ein weiteres Wahrnehmungsfeld. Persönliche Tagebuchnotizen werden mit Textfragmenten aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen über die digital codierte Welt, Sprache, Forschung im Bereich Raumfahrt, Technik und der Arbeitsmethode des Archivierens einander gegenübergestellt. Sie eröffnen einen Raum für neue Fragen, Auseinandersetzung und Austausch.

Andrea Büttner, Künstlerin, wendet die gleiche Arbeitsmethode für ihre großformatigen Arbeiten an, die mir nun erst jetzt nach der Präsentation begegnet sind. Meine Sammlung wird in eine andere Richtung sich weiter entfalten. 

Installationsansicht. Raum 206. HKB